26
Okt

Interview „Führungskräfte sind die wichtigste Quelle von Wertschätzung am Arbeitsplatz!“

Im Gespräch mit Dr. Nicola Jacobshagen (Teil 1)

Dr. Nicola JacobshagenDr. Nicola Jacobshagen forscht zu Wertschätzung und Stress am Arbeitsplatz, zu negativem Feedback, dessen Konsequenzen und zu Stress im Management. Sie ist Oberassistentin an der Universität Bern und Lehrbeauftragte an der Hochschule St. Gallen und der Fernuniversität Schweiz. Neben ihrer Lehrtätigkeit hält sie Vorträge und führt Trainings in Unternehmen durch. Im ersten Teil unseres Interviews sprachen wir mit ihr über Stress, seine Kosten und darüber, wie Führungskräfte ihren Mitarbeitern Wertschätzung entgegenbringen können und was dabei schief laufen kann.


PTA
Herzlich willkommen Frau Dr. Jacobshagen. Sie beschäftigen sich mit Stress und Wertschätzung am Arbeitsplatz. Wie hängt beides zusammen?

Dr. Jacobshagen Grundsätzlich wird Stress ausgelöst durch ungüstige Arbeitsbedingungen, sogenannten Stressoren. Diese führen zu psychischem Zustandsstress, der unmittelbare Folgen auf der Verhaltensebene, der emotionalen oder der physischen Ebene hat.

Damit diese Stressoren nicht zu Zustandsstress führen, helfen uns unsere Ressourcen und Bewältigungsstrategien. Wertschätzung ist ein Thema, das vergleichsweise sehr wenig untersucht ist. Hier an der Universität Bern untersuchen wir Wertschätzung seit knapp vier Jahren sehr systematisch.

Und was wir aufzeigen können ist, dass Wertschätzung eine wichtige Ressource ist. Man kann also Stressoren besser bewältigen, wenn man im Unternehmen Wertschätzung erhält.

PTA Wie wichtig ist dieser Zusammenhang zukünftig für die Wirtschaft?

Dr. Jacobshagen  Stress ist äußerst kostenintensiv für Unternehmen. In der Schweiz werden die Kosten auf 4,2 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt, Tendenz steigend. Das sind 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In Deutschland sind die Zahlen vergleichbar, ebenso in anderen Ländern.

Um diese Kosten zu senken und auch die Produktivität der Mitarbeitenden und Führungskräfte zu erhalten, ist es ein probates Mittel, diese wichtige Ressource zu fördern, um Stressfaktoren abzupuffern – genauso wie beispielsweise soziale Unterstützung oder Handlungsspielräume, die Mitarbeitenden gegeben werden sollten. Ich halte das Thema für sehr wichtig mit Blick auf diese Stresskosten und sinkende Produktivität.

PTA Glauben Sie, dass die Unternehmen heute schon diesen Zusammenhang und dessen Potenzial verstanden haben?

Dr. Jacobshagen Unsere Forschung zeigt, dass das Thema auf großes Interesse trifft. Inzwischen forschen wir an diesen Thema auch in Kooperation mit anderen Universitäten in Deutschland, Frankreich und Amerika. Aber wir müssen die Message ganz klar noch offensiver verbreiten.

Ich tingele gerne durch Unternehmen, halte Vorträge und gebe Workshops, um dieses Thema mehr anzusprechen. Die heutige finanzielle Situation erschwert dies allerdings. Wenn ein Unternehmen gerade dabei ist, Mitarbeitende abzubauen, dann ist es schwer zu überzeugen, eine Studie zum Thema Wertschätzung zu machen. Hingegen sind Workshops zum Thema Wertschätzung und Führungskultur sehr gefragt.

PTA Wie können Führungskräfte ihren Mitarbeitern konkret Wertschätzung entgegenbringen?

Dr. Jacobshagen Wir wissen heute, dass Führungskräfte die wichtigste Quelle für Wertschätzung im Unternehmen sind und dementsprechend sollten sie diese Möglichkeit auch nutzen.

Zunächst gibt es das Loben und Danken. Die Führungskraft kann dem Mitarbeiter direkt danken und ihn loben oder dies öffentlich tun, also vor anderen. Wir alle kennen Auszeichnungen, wie den „Mitarbeiter des Monats“.

Eine Belohnung ist die nächste Möglichkeit. Diese kann finanzieller Art sein, ein Weihnachtsessen, ein Gutschein, Blumen oder hier in der Schweiz natürlich Schokolade.

Die dritte Möglichkeit – und diese wird viel zu wenig genutzt – ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Beispielweise wenn einem Mitarbeiter, der eine schwierige Aufgabe sehr gut gelöst hat, eine neue, komplexere Aufgabe gegeben wird und die Führungskraft damit zum Ausdruck bringt, dass sie ihm die Lösung dieser Aufgabe zutraut. Oder den Mitarbeiter in anderen Bereichen mitarbeiten zu lassen, ihm mehr Handlungsspielräume zu bieten und ihn weniger oder nicht mehr zu kontrollieren, ihm also Vertrauen auszusprechen. Das kann auch beinhalten, dass eine zeitweise Anstellung in eine Festanstellung übergeht oder bei einer Teilzeitanstellung mehr Arbeitsstunden angeboten werden.

PTA Kann hierbei auch etwas schief laufen oder „nach hinten losgehen“?

Dr. Jacobshagen Natürlich kann vieles schief laufen. Öffentliches Lob, wie die Auszeichnung „Mitarbeiter des Monats“, führt meistens dazu, dass sich ein Mitarbeiter sehr freut und alle anderen verärgert sind. Die Verärgerung führt ggf. dazu, dass die Führungskraft die Auszeichnung „gerecht“ verteilt und sie jeden Monat einem anderen Mitarbeiter verleiht. Damit hat sie aber sofort ihre Kraft verloren und wird nicht mehr ernst genommen.

Schief läuft es auch immer, wenn die Wertschätzung künstlich ist. Es kann vorkommen, dass Führungskräfte aus Workshops zurück in den Betrieb kommen und plötzlich unheimlich freundlich und höflich sind und ständig „Danke“ sagen. Das ist aufgesetzt und sie hören auch meistens nach ein paar Wochen wieder damit auf. Die Mitarbeitenden merken natürlich, dass das nicht ernst gemeint ist.

Wenn es um die Ausweitung zu einer Vollzeitstelle geht, kann sich der Mitarbeitende in etwas hineingedrängt fühlen. Es freut die Mitarbeitenden, dass ihnen das Vertrauen entgegengebracht wird, aber vielleicht wollen sie nicht mehr Stunden arbeiten, weil dies mit anderen Lebensbereichen kollidiert. Es besteht die Gefahr, dass die Mitarbeitenden das Gefühl haben, nicht „Nein“ sagen zu dürfen. Bei komplexeren Aufgaben und weniger Kontrolle können sich Mitarbeitende schnell überfordert fühlen und wollen aber auch das Vertrauen der Führungskräfte nicht enttäuschen.

Also sollten sich die Führungskräfte alles gut überlegen, das Gespräch suchen und vor allem authentisch sein.

PTA Zum Schluss: Wer bringt eigentlich den Führungskräften Wertschätzung entgegen?

Dr. Jacobshagen  Tatsächlich sind Führungskräfte Menschen, die ziemlich wenig Wertschätzung erhalten. Wir machen uns gerade aktiv Gedanken darüber, nicht nur Führungskräfte darin zu schulen, ihren Mitarbeitern Wertschätzung entgegen zu bringen, sondern auch Mitarbeitende dazu bringen, Führungskräfte wertzuschätzen – sofern sie es verdient haben.

PTA Herzlichen Dank für das Gespräch.

Im zweite Teil des Interviews sprechen wir mit Dr. Jacogshagen über Burnout, wie man ihn erkennt und wie eine Führungskraft mit betroffenen Mitarbeitern umgehen sollte. Teil 2 finden Sie hier. Das Interview führte Anuschka Hartmann.

 

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